Mit fünf angehenden Designern war ich vor kurzem im Bundestag, um zwei äußerst spannende Visualisierungskonzepte zum Thema Gendiagnostikgesetz vorzustellen, die im Rahmen des FH-Seminars in Potsdam entstanden waren.
Zur Vorgeschichte: Das Gendiagnostik-Gesetz, im letzten Jahr verabschiedet, ist ein Musterbeispiel für ein Gesetz, das jeden betrifft und für jederman von höchster Relevanz ist, das aber trotzdem weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit diskutiert und verabschiedet wurde. Es gab eine parlamentarische Anhörung, bei der alle maßgeblichen Interessenverbände und viele wichtige Experten ihre Meinungen einbrachten. Die schriftlichen Stellungnahmen sind öffentlich zugänglich.
Meine Vorarbeit
Diese Stellungnahmen wollte ich als Material für ein Pilotprojekt für den Politikatlas heranziehen: Ich wollte das Argumentationsmaterial, das in diesen Stellungnahmen enthalten ist, in einer komplexen interaktiven Infografik aggregieren, damit den Aufwand, an dieser Debatte auf Augenhöhe teilzunehmen, erheblich senken und so den Kreis der potenziellen Teilnehmer an dieser Debatte entsprechend vergrößern.
Da die Finanzierung nicht so funktionierte, wie wir uns das gewünscht hatten, konnten wir dieses Pilotprojekt zunächst nicht im ursprünglich geplanten Umfang realisieren. Ich hatte aber insoweit vorgearbeitet, als ich einen zentralen Teilaspekt des Gesetzes – die Regelung, inwieweit Versicherungen in der Verwendung gendiagnostischer Daten eingeschränkt werden sollen – bereits kartografiert und ein komplexes Diagramm dazu angefertigt hatte, das die Argumente aus den Anhörungs-Stellungnahmen zu diesem Bereich wiedergab.
Es handelte sich dabei um ein Baumdiagramm: Wurzel und Ausgangspunkt waren die Probleme, um deren Lösung es in diesem Punkt ging – der potenzielle Druck auf Versicherungsnehmer, ihre Gendaten offen zu legen bzw. sich testen zu lassen, sowie der mögliche Ausschluss von privaten Vorsorgemöglichkeiten bei schlechter genetischer Disposition. Davon zweigen verschiedene Lösungsoptionen ab. Diese werfen wiederum Folgeprobleme auf, aus denen weitere Lösungsoptionen folgen usw. usf.
Kislinger/Neubauer: Wer streitet sich worum mit welchem Argument?
Sonja Kislinger und Mischa Neubauer hatten diese Vorarbeit aufgegriffen und daraus eine elegante grafische Lösung gebaut: Die Probleme sind in ihrem Entwurf durch rot geriffelte Unterstriche gekennzeichnet, die Lösungsoptionen durch schwarze glatte. Die Verbände und Experten, die an der Anhörung teilnahmen, gruppierten sie zu sieben “Protagonisten”, denen sie bestimmte Farbwerte zuwiesen. Mit einem Checkbox-Menü kann man sich die Positionen, die diese Protagonisten in der Debatte vertreten, ausgeben lassen. Dabei kann man erkennen, welche Protagonisten in welchen Fragen verbündet bzw. entgegengesetzter Meinung sind. Man kann sehen, wer wo welche Schwerpunkte setzt.
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Jäkel/Schütze/Sonsalla: Ein Notationssystem für politische Debatten
Ganz anders beschaffen, noch origineller, dafür aber weniger leicht zugänglich war die Lösung, die Thomas Sonsalla, Roman Jäkel und Arne Schütze entworfen haben. Sie hatten neben dem von mir vorkartografierten Versicherungsbereich mit enormer Mühe auch den Rest des Gesetzentwurfs bzw. der Anhörungsdebatte dazu kartografiert. Ihre Idee zur grafischen Umsetzung spricht vielleicht auf den ersten Blick vor allem naturwissenschaftlich inklinierte Betrachter an. Aber auf den zweiten Blick wird jeder noch so Chemieadverse zugeben müssen: Das hat was.
Der Charme dieser Lösung liegt darin, dass sie eine Art Notationssystem für politische Debatten generell entwickelt. Man muss sich ein bisschen hineinfuchsen. Aber wenn man das System mal verstanden hat, kann man damit alle möglichen hoch komplexen Debatten abbilden.
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